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Paradies

Wo lag das Paradies? Ueber das Geographische mögen sich Paläobotaniker und Paläozoologen die Köpfe zerbrechen; was das Wort angeht, so können wir Paläophilologen die Sache eine Strecke weit verfolgen, und da führen die Spuren verlässlich ins Persische, ins alte Perserreich.

Das Paradies: das ist für uns der von vielerlei Bäumen beschattete, von vier Strömen, darunter Tigris und Euphrat, bewässerte, mit vielerlei Tieren bevölkerte "Garten in Eden", von dem der (zweite) Schöpfungsbericht im 1. Buch Mose berichtet, der Schauplatz des Mythos von Sündenfall und Vertreibung. Nur: Das Wort "Paradies" findet sich noch nicht im hebräischen Original, sondern erst in der griechischen Uebersetzung des Alten Testaments durch alexandrinische Gelehrte aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und wieder in der lateinischen Bibelübersetzung des Kirchenvaters Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Da heisst dieser "Garten in Eden" im 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 8 im Griechischen "parádeisos" beziehungsweise im Lateinischen "paradisus in Eden".

Im Fremdwörterbuch steht das "Paradies" zwischen lauter griechischen "Para"-Wörtern. Das griechische Kopfstück para- bedeutet "neben-"; daher kommen etwa die nebeneinander herlaufenden "Parallelen", das beispielhafte "Paradigma" und die gleichnishafte "Parabel", der neben den Text geschriebene "Paragraph", die "Parapsychologie" oder der mehr oder weniger geduldet nebenher mitessende "Parasit". Im Falle einer "paradoxen", das heisst "wider Erwarten" eingetretenen Entwicklung hat sich dieses "neben-" über ein "ausser-" in ein "gegen-" verdreht: Da hat für einmal die grosse Mehrheit mit ihrer Erwartung ganz "daneben" gelegen. Aber unter allen diesen "Para"-Wörtern sitzt das "Paradies" wie ein Kuckucksjunges im Nest; hinter dem griechischen parádeisos steckt nichts Griechisches, sondern vielmehr ein altpersisches pairi-daeza in der Bedeutung eines von Hag und Zaun umschlossenen Wildparks.

In der klassischen griechischen Literatur begegnet das Wort zuerst und gleich mehrfach im frühen 4. Jahrhundert v. Chr. bei dem Athener Xenophon, und dies durchweg mit Bezug auf die ausgedehnten Wildgehege persischer Könige und Adliger. So gleich zu Anfang der "Anabasis", wo der griechische Söldnerzug das phrygische Kelainai, das heutige Dinar, passiert: "Da hatte (der persische Prinz und Thronprätendent) Kyros eine königliche Residenz und einen grossen parádeisos voll wildlebender Tiere, die er vom Pferd aus zu jagen pflegte, wenn er sich und seinen Pferden Bewegung schaffen wollte. Mitten durch diesen parádeisos fliesst der Mäander hindurch, und die Quellen des Flusses entspringen innerhalb der Residenz ..."

Im klassischen Griechisch ist dieser parádeisos ein seltener Vogel, geradezu ein wirklicher und wahrhafter Paradiesvogel, geblieben. Und so mag man es verstehen, dass die 72 jüdischen Gelehrten, die damals nach der alten Legende in Alexandreia die griechische sogenannte "Septuaginta", die Bibel der "Siebzig", schufen, diesem "Garten in Eden" nicht den gewöhnlichen képos für den Feld-Wald-und-Wiesen-"Garten", sondern diesen besonderen königlichen parádeisos zugehalten haben: Auf ihm lag der Märchenglanz orientalischer Ueppigkeit und zugleich unerschöpflicher Wildnis und Weite.

Adam und Eva sind aus dem alten Paradies in Eden längst vertrieben. Doch ihre Söhne und Töchter haben es mittlerweile perfekt heraus, im Schweisse ihres Angesichts allenthalben allerneueste "Paradiese" aus dem Boden zu stampfen: Einkaufsparadiese und Spielerparadiese, Freizeitparadiese und Ferienparadiese. Bleibt die Frage: Ist der Kunde in diesen postpersischen Wildgehegen nun eigentlich der jagende König oder das gejagte Rotwild?

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster