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Quentchen

Die überschwengliche Freude, die einen schier vom Stengel fallen lässt, hat sich zu einer überschwänglichen verklärt, die einen schier vom Stängel kippen will, und entsprechend ist im neuen Duden aus dem "Quentchen" Glück ein "Quäntchen" Glück geworden. Wer bei den beiden ersten - aha! - an "Ueberschwang" und "Stange" gedacht hat, erinnert sich beim Dritten - aha! aha! - je nach der Fakultät an ein original lateinisches "Quantum", ein "Wieviel" oder dann auch "Soviel", oder an die schwierige Quantentheorie mit ihren fröhlichen Quantensprüngen.

Bei dem "Quäntchen" sind wir freilich mit dem Duden auf der falschen Fährte. Ursprünglich hat unser "Quentchen" alias "Quäntchen" ganz und gar nichts mit jenem lateinischen "Quantum" zu schaffen; eigentlich ist das "Quent" oder "Quentchen", ein altes deutsches Handelsgewicht, eher ein "Quintchen" als ein "Quäntchen". Dahinter stehen ein mittelhochdeutsches quintin und dahinter wieder ein mittellateinisches quintinum, was beides ein viertel Lot bezeichnete, und dahinter letztlich eine klassisch-lateinische quinta pars, ein "fünfter Teil" oder ein "Fünftel".

Ja wie nun: ein Viertel oder ein Fünftel? Klar ist, dass das lateinische Wort ein "Fünftel" bezeichnet, klar aber auch, dass diese altdeutschen Mini-Gewichte ein viertel Lot massen. Niemand weiss mehr, wie es da irgendwo, irgendwann von einem fünftel zu einem viertel Lot gekommen ist; allzu gross ist der Sprung ja nicht. Ein Stuttgarter, der in Zürich sein "Viertele" bestellt, bekommt dort die landesüblichen zwei Dezi eingeschenkt; ein Zürcher, der in Stuttgart seine "zwei Dezi" bestellt, bekommt dort das landesübliche Viertele: Da mögen die Massbezeichnungen schon einmal durcheinandergeraten, und entsprechend mag auch damals, mutatis mutandis, ein fünftel Lot irgendwie zu einem viertel Lot geworden sein.

Schon das ganze Lot, ein zweiunddreissigstel Pfund, war ein sprichwörtliches Leichtgewicht. "Am vierten Tage endlich gar / der Kaspar wie ein Fädchen war", so beschliesst Dr. Heinrich Hoffmann die Geschichte vom Suppenkaspar: "Er wog vielleicht ein halbes Lot - / und war am fünften Tage tot." Ein einzelnes Quentchen, dieses "fünftel" oder dann auch viertel Lot, brachte das Federgewicht von ein paar Gramm auf die Waage; kein Wunder, dass das Volk, das die Volksetymologien macht, aus diesem "Quentchen" schon längst ein Mini-"Quantum" herausgehört hat.

Schade, dass der Duden diese falsche Fährte mit dem neuen "Quäntchen" jetzt rot ausgeschildert und die Brücke zu dem alten "Quent" damit vollends abgebrochen hat. Der sprachgeschichtliche Hintergrund, erklärt die Redaktion dazu, sei uns nicht mehr geläufig; das Wort werde allgemein mit dem "Quantum" verbunden. Richtig, richtig; aber gerade nach dieser jüngsten Rechtschreibreform könnte doch jede überschwänglich frühlingstrunken behände von Fels zu Fels, von Stängel zu Stängel springende Gämse uns lehren, dass es mit diesem "Quentchen" - aha! aha! aha! - wohl seine eigene Bewandtnis haben müsse ...

Und was ist eigentlich mit dem peinlich genauen "Pedanten" und seiner "Pedanterie"? Der Pedant, letztlich nach dem griechischen paideúein, "erziehen", und dann nach dem italienischen pedante der Commedia dell' arte und dem französischen pédant, ist eigentlich ein Schulmeister, die Pedanterie seine Déformation professionelle. Aber beide stehen auch im neuen Duden nicht, wo sie doch wohl hingehörten, bei dem guten "Pädagogen" und dem üblen "Pädophilen", sondern wie im alten Duden ein paar Spalten weiter zwischen dem "Pedal" und der "Pediküre". Aber sei's drum; die Pädagogen mögen sich freuen, und wir wollen hier ja nicht pedantisch werden!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster